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Laudatio der Fachjury
„Schöne neue Welt“ lautet das Motto der diesjährigen Theatertage am See. Blickt man auf die globalen Ereignisse der letzten Wochen, ist die Welt allerdings aktuell alles andere als schön und man könnte fast meinen, das Motto sei zynisch. Mitnichten! Wir blicken als Theatermenschen nicht zynisch und fatalistisch auf die Welt. Theater setzt sich kritisch auseinander, mahnt, zeigt auf, provoziert Reflexion und führt uns auch die Welt vor Augen, die sein könnte. Alle 11 gezeigten Produktionen haben genau dies getan und uns damit bewegende, begeisternde, anregende Theatertage geschenkt. Die internationale Fachjury dankt ausdrücklich allen Teilnehmer:innen für ihre großartigen Leistungen!
Den mit jeweils 1.250 € dotierten Preis vergibt die Jury 2026 gleichberechtigt an zwei besonders herausragende Produktionen.
Unerhört! Inaudito! Sex im Alter – ein Tabu
Überholspur, Brixen (IT)
Regie: Maria Thaler Neuwirth
Der Gruppe gelingt es, das Thema gleichzeitig mit Leichtigkeit und mit Tiefgang zu präsentieren, es niemals aufgeblasen und abgehoben wirken zu lassen, sondern immer ganz auf dem Boden. Das ehrliche und glaubwürdige Ensemble arbeitet mit viel Charme, Humor, Wärme und nicht zuletzt hoher Musikalität. Die gekonnte Mehrsprachigkeit in den Liedern und Sprechtexten trägt zur insgesamt hohen Authentizität der Darstellung bei. Die Inszenierung setzt sehr kompetent einfache und wirkungsvolle Stilmittel ein – da wird ein rotes Tuch zum Karussell, zum Schmetterling, zum Mikrofon. Eine Aufführung, die von der ersten Sekunde an verzaubert – und das bei einem Thema, das in weniger sorgfältigen Händen leicht ins Peinliche oder Klischeehafte abgleiten könnte.
Augenblick nochmal. Beim dritten Mal lässt man’s.
drama:tusch, Unterschleißheim (D)
Regie: Michael Blum und Stefanie Höcherl
Hier rockt ein kraftvolles, spielfreudiges Ensemble die Bühne. Die jungen Spieler:innen bilden dabei vom Leistungsniveau eine sehr homogene Gruppe, sie funktionieren perfekt als Team und sind im emotionalen Ausdruck fokussiert, präzise und präsent. Sie beherrschen tänzerische wie spielerische Elemente gleichermaßen und versprühen eine ansteckende Energie. Inhaltlich nimmt uns die Eigenentwicklung des Ensembles mit auf einen Galoppritt durch einen „normalen“ Tag mit allen seinen Höhen, Tiefen und Routinen. Wiederkehrendes Motiv für die sich immer wiederholende Mühsal, die das Leben zuweilen bietet, ist der Stein des Sisyphos. Das ist stimmig und kreativ umgesetzt. Die Inszenierung hat einen klaren, runden dramaturgischen Bogen und ist gekonnt rhythmisiert.
Wir gratulieren beiden Gewinner-Teams von Herzen!
Im Namen der Jury,
Dr. Christoph Daigl, 29.03.2026